Valse Automatique: ein Roboter als generativer Designer

Was passiert, wenn man einen Produktdesigner, einen Komponisten, einen Interface Designer und einen Roboter für 3 Monate zusammen sperrt? Klar: einen Roboter, der – im Takt der Musik – eine generativ Vase fräst. „Valse Automatique“ heißt die Live Performance, die am 9. und 10. Dezember 2010 im 400 Quadratmeter großen Quartier von MADE (www.made-blog.de) statt fand – einem Kunstprojekt, das interdisziplinäre Gemeinschaftsarbeiten fördert (die Ausstellung gibt es jedoch noch bis zum 17. Januar 2010). Produktdesigner Hermann August Weizenegger und Designer Stefan Thiel berichten über ein außergewöhnliches Interface…

Produktdesigner Herman August Weizenegger (hermannaugustweizenegger.de) und Komponist Mihalj “MIKI” Kekenj (www.mikizuhause.de)

Was genau habt ihr also in diesen drei Monaten entwickelt?

Weizenegger: Miki – der Komponist – hat zunächst fünf Variationen zu einem Grundthema komponiert. Für jede Variation gibt es während der Performance eine Produktionssäule. Dann gibt es noch zwei Akte: im ersten fräst der Roboter jeweils die Grundstruktur, im zweiten verschmilzt eine Flamme, die auf dem Roboterkopf montiert ist, das Wachs leicht und modelliert so die gefräste Form. Beides – also der Fräser und die Flamme – ergeben zusammen so einen poetischen Moment der Unvorhersehbarkeit. Ein Artefakt, die Form ist also komponiert.

Wie kam es zu der Idee?

Weizenegger: Ich hatte im Vorfeld mal ein Interview mit Roman Kühnert von der Artis Möbel Objekte Raumkonzepte GmbH gemacht,  indem ich ihn nach der Zukunft des Handwerks gefragt habe. Und er meinte damals, dass sie in Zukunft eine neue Produktionshalle bauen und einen Roboter installieren wollten. Da dachte ich: das ist ja wunderbar, da ist „Valse Automatique“ im Prinzip so eine Art Forschungsprojekt, wo die Mitarbeiter mal im Speziellen trainieren können. Da lernt man einen Roboter auch in einer unheimlich schnellen Geschwindigkeit zu bedienen – und die Tücken, die Tücken vor allen Dingen.

Was sind denn so die Tücken?

Weizenegger: Die Tücken sind, dass die Produktionsstraße, die wir da mit den fünf Säulen aufgebaut haben, in der realen Welt ja so nicht existiert. Klassischerweise müssen diese Roboter zum Beispiel ein Fenster nehmen und in ein Auto einsetzten. Das sind also ziemlich einfache Bewegungsabläufe. Unser Bewegungsablauf war aber – von der Musik choreografiert – entsprechend komplex: Der Roboter muss sich so um seine sechs Achsen drehen, dass alles genau passt – das ist fast wie eine Art Walzerdrehung. Und das birgt viele, viele Tücken.

Thiel: Aus Sicht eines Designers war die Herausforderung, ein Gestaltungskonzept für die Form zu finden, das auch in diesem Echtzeit-Szenario funktioniert. Die Frage war: welche formalen Eigenschaften kann man nutzen und variieren, damit eine lesbare Objektform entsteht, die sich dann auch noch in dieser kurzen Zeit fräsen lässt?

Und welche Parameter für die generative Gestaltung gibt es?

Thiel: Also im Prinzip ist die Grundform der Vase auf Grundlage des Themas von MIKI entstanden. Das Prinzip dieses zylindrischen Körpers war unser Ausgang. Während der Performance erzeugt der Roboter dann auf dessen Oberfläche ein Relief, das sich nach der Lautstärke, dem Anspielverhalten oder auch der Tonhöhe des Violinenspiels richtet.

Was ist die Grundidee des Projekts?

Weizenegger: Im klassischen Sinn ist der Roboter im Arbeitsumfeld ja ein Synonym für Arbeitsplatzvernichtung. Bei „Valse Automatique“ geht er aber Hand in Hand mit MIKI und ist eher so etwas wie ein kreativer Partner. Die Idee dabei ist: wie flexibel und kreativ könnte man einen Roboter denn in handwerklichen Prozessen einsetzen? Im Spannungsfeld von Musik und Form kann man heute über digitale Prozesse und Interfaces Dinge sichtbar machen, was man so noch nie zuvor visualisieren konnte.

[vimeo]http://vimeo.com/18536658[/vimeo]

Mit was für einer Programmiersprache steuert man eigentlich so einen Industrieroboter?

Thiel: Für die eigentliche Steuerung haben wir eine hauseigene Programmiersprache von der Firma KUKA verwendet: KRL, die die Funktionen von CNC erweitert auf die Möglichkeiten, die der Roboter in seiner Bewegung hat. Für die Objekterzeugung haben wir Rhino und Grashopper (www.grasshopper3d.com) verwendet. Grashopper ist quasi ein Plug-In für Rhino, eine Mischung aus Design- und CRD-Tool. Das heißt, man kann hier ein bisschen programmieren und einiges zusammen klicken, um so einen ähnlichen Gestaltungsansatz zu haben wie bei Processing oder anderen Programmiersprachen.

Viele Designer wünschen sich den interdisziplinären Austausch – was haben Sie dabei gelernt?
Weizenegger: Oh, ich lerne die ganze Zeit nie wieder Digitales anfassen (lacht). Nein. Was ich gelernt habe war die Erkentnnis, dass die Form aus dem Prozess entsteht. Sonst kann ich mich mit meinen Skizzenbuch hinsetzen und eine schöne Form ausdenken. Dann geh ich zum Handwerker und sag: schön machen! Und eine Woche später halte ich eine phänomenale Porzellanvase in den Händen. Hier haben wir in fünf Wochen eine Vase erzeugt – mein Gott, was für ein Aufwand! Das Ergbenis sollte man eigentlich in Bronze gießen, damit man den Wert dieses Prozesses auch wirklich zu schätzen weiss (lacht). Aber umso mehr freue ich mich natürlich auf diesen Abend.

TwitterFacebookMister-WongDeliciousGoogle BookmarksIdenti.caShare
Both comments and pings are currently closed. |

Comments are closed.